Der Tessiner Taschenspielertrick: Lugano zaubert Punkte aus dem Nichts, St. Gallen schaut ins leere Hütchen
Hook-Intro
Zwölf Spieltage sind gespielt, und langsam wird aus der Super League eine Bühne für Illusionisten. Sechs Partien, 23 Tore, und mittendrin ein FC Lugano, der sich mittlerweile wie ein Falschspieler im eigenen Casino bewegt – 34 Punkte bei einem xP-Wert von gerade mal 18,5. Wer glaubt, Fussball sei berechenbar, der hat diesen Spieltag nicht gesehen. Zeit, die Zahlen unter die Lupe zu nehmen und zu schauen, wer wirklich verdient hat zu feiern – und wer nur zufällig am richtigen Ort stand.
Spiel der Woche
Die grösste xG-Diskrepanz des Spieltags lieferte ausgerechnet das Duell zwischen dem FC Luzern und dem FC Sion. Ein mageres 1:1, bei dem der FC Sion mit 1,67 erwarteten Toren gegen die 1,07 des FC Luzern klar überlegen war – und trotzdem nur einen Punkt mitnahm. Die swissporarena sah also ein Spiel, das die xG-Statistik als klaren Sittenwächter entlarvt: Wer mehr investiert, sollte eigentlich auch mehr bekommen. Hat aber nicht geklappt. Ein Treppenwitz, der perfekt zum Grundtenor dieses Spieltags passt.
Ehrenvolle Erwähnung verdient aber auch das Spektakel in Lausanne, wo der FC Thun beim 5:4-Krimi gegen den FC Lausanne-Sport trotz niedrigerem xG-Wert (1,81 zu 1,37) den Vollerfolg einfuhr. Neun Tore, viele Fragezeichen – und am Ende stand wieder einmal das Resultat quer zur Erwartung.
Glückspilz des Spieltags
Gleich drei Teams teilen sich die Krone des Spieltags-Glücks mit einem Delta von +2: der FC Thun, der FC Zürich – und natürlich der FC Lugano. Letzterer bleibt damit seinem Saisonmuster treu wie kein zweites Team der Liga. Mit nur einem erwarteten Punkt aus der Partie gegen den FC Basel im Stadio di Cornaredo gewann man am Ende mit vollen drei Zählern. Die Gesamtbilanz ist inzwischen schon fast unanständig: 34 reale Punkte gegen 18,5 xPoints bedeuten einen Luxusüberschuss von 15,5 Punkten. Zum Vergleich: Das ist mehr, als manches Team in dieser Saison überhaupt an xPoints gesammelt hat. Der FC Lugano tabelliert aktuell wie ein Meisterschaftsanwärter – xG-technisch spielt er aber eher im gehobenen Mittelfeld.
Auch der FC Zürich darf sich freuen: Ein 5:3-Auswärtssieg im Stadion Wankdorf gegen den BSC Young Boys bei einem äusserst knappen xG-Duell (2,04 zu 1,86) bringt drei Punkte für einen Expected-Wert von gerade mal 1. Die Zürcher kennen das Spiel offenbar: Saisonübergreifend stehen sie mit 20 Punkten bei nur 13 xPoints – ein Diff von +7, der sie zu den grossen Nutzniessern des Zufalls macht.
xG-Opfer
Wenig zu lachen hatte dagegen der FC Sion, der mit einem Delta von -1,5 die rote Laterne des Spieltags trägt. Nach dem verdienten, aber nicht belohnten Remis gegen Luzern bleibt ein schaler Beigeschmack. Dicht dahinter liegen der Servette FC und der BSC Young Boys mit je -1 Punkt Differenz – beide gingen bei ihren Partien leer aus, obwohl die xG-Werte eine andere Sprache sprachen. Besonders bitter für die Young Boys: Ausgerechnet gegen den glücklichen FC Zürich verpufften die eigenen Chancen, während die Gäste aus Zürich jede Gelegenheit nutzten.
Ehrliche Tabellenlage
Wer die offizielle Tabelle mit der xP-Tabelle vergleicht, reibt sich verwundert die Augen. Ganz oben thront in der Realität der FC Lugano – in der ehrlichen Welt der Erwartungswerte landet er aber nur auf Platz vier. Die wahre Nummer eins der Liga wäre nach xP der BSC Young Boys, der trotz seines Punktverlusts gegen Zürich mit 23,5 xPoints die Spitzenposition verdient hätte.
Noch deutlicher zeigt sich die Verzerrung beim FC St. Gallen: Offiziell nur auf Rang fünf, wäre man nach Expected Points die klare Nummer zwei der Liga – ein Diff von -3 macht den Verein zum grössten Pechvogel der gesamten Saison. Auch der FC Luzern (-2,5) und der Servette FC (-1,5) dürfen sich zu Recht ungerecht behandelt fühlen. Am anderen Ende der Skala bleibt der FC Lugano das Paradebeispiel für eine Tabellenposition, die mit der tatsächlichen Spielqualität nur bedingt etwas zu tun hat.
Ausblick
Die grosse Frage für den nächsten Spieltag: Hält das Lugano-Wunder weiter an, oder meldet sich die Statistik zurück? Historisch betrachtet pendeln sich solche Ausreisser selten langfristig – früher oder später klopft die Regression zur Mitte an die Tür am Cornaredo. Für den FC St. Gallen und den FC Sion gilt dagegen: Wer weiter so überzeugende xG-Werte produziert, wird irgendwann auch mit den passenden Punkten belohnt. Die ehrliche Tabelle jedenfalls weiss schon jetzt, wo die Musik eigentlich spielen müsste.