Wenn der Rasen zum Spielkasino wird: Sechs Partien, sechs Lektionen in Sachen Glück
Hook-Intro
Der zweite Spieltag der Super League hat wieder einmal bewiesen, dass Fussball und Fairness nur bedingt miteinander verwandt sind. Während der FC Lugano seine Fans mit einem 4:1-Auswärtserfolg beim Grasshopper Club Zürich verzückt, dürfen Servette FC und der FC Basel ihre xG-Bilanzen studieren und sich fragen, warum die Tabelle so grausam undankbar sein kann. Sechs Spiele, sechs verschiedene Geschichten über Chancenverwertung, Pech und die schonungslose Ehrlichkeit der Expected-Goals-Statistik.
Spiel der Woche
Die grösste xG-Diskrepanz des Spieltags liefert ausgerechnet die Stockhorn Arena: Der FC Thun geht gegen den BSC Young Boys mit 0:6 unter, obwohl das xG-Bild mit 1,15 zu 2,69 ein deutlich weniger dramatisches Verhältnis andeutet. Young Boys hätte auch mit einem 2:1 oder 3:1 zufrieden nach Hause fahren können – stattdessen wurde daraus eine Demontage, die man in Thun so schnell nicht vergessen wird. Ein Lehrstück darüber, wie aus einer soliden Führung in der Expected-Goals-Tabelle ein historisches Debakel werden kann, sobald die Chancenverwertung explodiert.
Glückspilz des Spieltags
Gleich zwei Teams teilen sich die Krone des Spieltags-Glücks mit einem Delta von +2,5: der FC Lausanne-Sport und der FC Zürich. Lausanne-Sport gewann beim FC Basel im St. Jakob-Park mit 1:0 – bei einem xG-Wert von gerade einmal 0,64 gegen die 1,39 des Gastgebers. Das ist Fussball auf Sparflamme mit maximalem Ertrag. Der FC Zürich wiederum setzte sich im Letzigrund-Duell gegen Servette mit 2:1 durch, obwohl die Genfer mit 1,90 zu 1,39 xG eigentlich die spielbestimmende Mannschaft waren. Beide Teams dürfen sich bei der Fussballgöttin artig bedanken – die Statistik hätte ihnen diese drei Punkte nicht unbedingt zugesprochen.
xG-Opfer
Auf der anderen Seite der Glücksskala herrscht bei Servette FC und dem FC Basel blankes Entsetzen. Beide Teams generierten an diesem Spieltag jeweils 2,5 xP, gingen aber mit null Punkten nach Hause – ein Delta von -2,5. Servette dominierte gegen den FC Zürich mit 1,90 xG, verlor aber trotzdem. Der FC Basel wiederum erspielte sich im eigenen Stadion 1,39 xG gegen die müden 0,64 von Lausanne-Sport und musste sich dennoch geschlagen geben. Das St. Jakob-Park-Publikum durfte einer Leistung applaudieren, die statistisch für mindestens einen Punkt gereicht hätte – die Ergebnistafel sah das anders.
Ehrliche Tabellenlage
Wer nur auf die offizielle Tabelle schaut, sieht den FC Lugano souverän an der Spitze mit 9 Punkten – bei nur 6 xP allerdings ein Polster, das auf tönernen Füssen steht. Noch spannender ist der Fall Servette: Mit mickrigen 3 Punkten rangiert man offiziell nur auf Platz 7, in der xP-Tabelle würde man mit 7,5 xP aber die Tabellenführung übernehmen – ein Unterschied von satten 4,5 Punkten! Auch der FC Lausanne-Sport (5 Punkte vs. 2 xP) und der FC Basel (6 Punkte vs. 4 xP) stehen deutlich besser da, als es ihre Leistung eigentlich hergibt. Die wahren Verlierer der Wahrnehmung sind neben Servette auch der Grasshopper Club Zürich und die FC Luzern, die mit ihren mageren Punktekonten eigentlich mehr verdient hätten.
Ausblick
Sollte sich die Regression zur Statistik-Mitte in den kommenden Wochen durchsetzen, drohen dem FC Lugano und dem FC Lausanne-Sport unbequeme Realitätschecks, während Servette FC und der FC Basel früher oder später mit den Punkten belohnt werden dürften, die ihre Spielanlage verdient. Der BSC Young Boys hat mit seiner Gala in Thun zumindest gezeigt, dass er auch in Sachen xG mithalten kann – hier stimmen Ergebnis und Leistung erfreulich überein. Für die restliche Liga gilt: Die ehrliche Tabelle mag manchmal wehtun, aber sie lügt nicht. Spieltag 3 wird zeigen, ob das Glück in der Schweiz weiterhin so ungleich verteilt bleibt.