Bern lacht, Zürich weint: Wenn ein einziges Wochenende die Illusion der Tabelle zerbröselt

Hook-Intro

Sechs Spiele, sechs kleine Wahrheiten – und eine grosse Lüge, die sich "offizielle Tabelle" nennt. Am 6. Spieltag der Super League zeigt sich einmal mehr: Zwischen dem, was auf der Anzeigetafel steht, und dem, was auf dem Rasen tatsächlich passiert ist, klafft eine Lücke, durch die man locker einen Mannschaftsbus fahren lassen könnte. Der BSC Young Boys thront mit 14 Punkten an der Spitze, hätte laut xG aber eigentlich nur 11.5 verdient – und trotzdem bleibt Bern die ehrlichste Nummer eins der Liga. Anderswo aber wird kräftig gemogelt, ohne dass jemand einen Elfmeter dafür pfeifen könnte.

Spiel der Woche

Die grösste xG-Diskrepanz des Spieltags lieferte ausgerechnet die Partie zwischen dem FC Thun und dem FC Lausanne-Sport – 0:0 stand am Ende auf der Anzeigetafel, dabei hätte der FC Thun mit 2.28 xG gegen mickrige 1.00 xG des Gegners diese Partie eigentlich locker für sich entscheiden müssen. Ein xG-Diff von 1.28 und trotzdem kein einziges Tor in der Stockhorn Arena – das ist Fussball-Ironie in Reinform. Wer den Ball nicht reinmacht, dem hilft auch die schönste Statistik nichts.

Ehrenwerte Erwähnung verdient auch der FC Luzern, der Vaduz in der swissporarena 2:1 bezwang und dabei mit 2.39 zu 1.15 xG auch verdient gewann – eines der wenigen Resultate des Tages, das Fussballgötter und Statistiker gleichermassen zufriedenstellt.

Glückspilz des Spieltags

Wer hier auf den BSC Young Boys tippt, liegt goldrichtig. Die Berner gewannen ihr Spiel beim FC Zürich mit 4:2, produzierten dabei aber gerade einmal 1.28 xG – während der FCZ mit 1.88 xG eigentlich die spielbestimmende Mannschaft war. Matchday-xP von 0.5 gegen tatsächliche 3 Punkte: ein Delta von satten 2.5. Damit ist der BSC Young Boys nicht nur Tabellenführer, sondern auch der Vorzeige-Lottogewinner dieses Spieltags.

Auch der Grasshopper Club Zürich (3 Punkte bei 1.0 xP) und der FC Lugano (3 Punkte bei 2.5 xP) profitierten vom Fussballgott, wenn auch in bescheidenerem Ausmass. Der FC Lugano bleibt damit seiner Rolle als Dauergast der Glückstabelle treu – im Stadio di Cornaredo scheint das Schicksal einfach gerne vorbeizuschauen.

xG-Opfer

Auf der anderen Seite der Medaille steht der FC Zürich, der im heimischen Letzigrund gegen den BSC Young Boys zwar spielerisch überzeugte (1.88 xG), am Ende aber mit leeren Händen und einer 2:4-Packung dastand. Matchday-xP von 2.5 gegen tatsächlich null Punkte – ein Delta von -2.5, das schmerzhafter kaum sein könnte. Wer so spielt und so verliert, hat allen Grund, sich ungerecht behandelt zu fühlen.

Auch der FC Thun (Delta -1.5) und der FC St. Gallen (Delta -1) reihen sich in die Riege der Pechvögel ein. Der FC St. Gallen verlor beim Grasshopper Club Zürich trotz 2.06 xG gegen 2.26 xG des Gegners – ein enges Spiel, das genauso gut anders hätte ausgehen können.

Ehrliche Tabellenlage

Wirft man einen Blick auf die xP-Tabelle, wird schnell klar: Der BSC Young Boys bleibt auch dort ungeschlagen an der Spitze – Ehre, wem Ehre gebührt. Doch dahinter wird es interessant. Der FC Sion, aktuell nur Siebter mit 6 Punkten, würde in einer gerechten Welt mit 11 xP auf Platz 2 stehen – ein Delta von -5 spricht Bände über das Pech der Walliser. Ähnlich ergeht es dem Servette FC: offiziell nur Zehnter mit 4 Punkten, in der xP-Tabelle aber Dritter mit 10.5 – das grösste negative Delta der gesamten Liga (-6.5).

Am anderen Ende der Wahrheitsskala thront der FC Basel: offiziell Dritter mit 10 Punkten, in der xP-Tabelle aber nur mit müden 6 Punkten unterwegs – ein Plus von 4 Zählern, die man den Baslern eigentlich nicht gönnen würde, wenn man es streng nach Leistung beurteilt. Auch der FC Lugano (offiziell Zweiter, xP-Rang 5) lebt gut von seinem Sonderkonto beim Fussballgott.

Ausblick

Die Frage, die sich vor dem nächsten Spieltag stellt: Wie lange können sich Teams wie der FC Basel, der FC Lugano oder eben der BSC Young Boys noch auf ihr Glück verlassen, bevor die Statistik zurückschlägt? Und wann bekommen der FC Sion und der Servette FC endlich die Punkte, die ihre Leistung eigentlich verdient? Die Ehrliche Tabelle sagt: Es wird Zeit für eine Korrektur. Ob die Fussballgötter das genauso sehen, bleibt abzuwarten – aber Statistik hat bekanntlich einen langen Atem.